Eva-Maria Admiral und Eric Wehrlin

Der Balanceakt

In dieser erzählten Geschichte (nur der Erzähler spricht über Lautsprecher) stellt Harald Trudelmann fest, dass sein Leben völlig aus den Fugen gerät. Zuerst dreht sich sein Leben nur um seinen Chef und um seine Ehefrau, die er beide zufrieden stellen will. Dies wird symbolisch dargestellt durch imaginäre Teller, die er auf Holzstäben dreht, die die Darsteller in den Händen halten.Nach und nach wird er zusätzlich durch seine Tochter, die Mitgliedschaft im Fitnessclub, die Sitzungen bei einem Lebensberater und durch seine älter werdenden Eltern herausgefordert.Während er versucht, allen Ansprüchen gerecht zu werden (das heißt, ihre Teller in Bewegung zu halten), gerät er an den Rand des Zusammenbruchs.

Themen:  Lebenstempo, alles unter Kontrolle haben, Atemlos, kopflos, 

                grenzenloser Stress, Alles im Lot auf dem sinkenden Boot?

Schauspieler:       5 Männer, 3 Frauen, 1 Erzähler von Band

Dauer:                    ca. 5 Min.


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Der Balanceakt


Ton: Geräusch von 7 zerbrechenden Tellern , die nacheinander hinunterfallen und zerbrechen (IN RASCHER WERDENDEN ABFOLGE)

(Harald steht auf der leeren Bühne.)
Erzähler:    Das ist Harald Trudelmann. Harald hat eigentlich ein rundum schönes Leben. Er ist glücklich, wenn er alles unter Kontrolle hat und sich alle seine Teller drehen .... sozusagen.
Im Moment dreht sich Haralds Leben überwiegend um Direktor Müller.
Direktor Müller (Kommt auf die Bühne, hält einen etwa einen Meter langen Holzstab in der Hand und überreicht Harald pantomimisch einen Teller.) ist Haralds Chef. (Harald übernimmt den Teller pantomimisch, setzt ihn pantomimisch auf den Holzstab und bringt ihn zum Drehen. Jedesmal, wenn ein neuer Darsteller auf die Bühne kommt, wiederholt sich dieser Vorgang: Harald nimmt den Teller, setzt ihn auf den Stab und dreht ihn.) Solange Harald seine Aufgaben erfüllt, ist Direktor Müller zufrieden und sein Teller dreht sich wie von selbst. (Herr Müller hält den Stab nun so, als ob sich darauf ein Teller drehen würde.)
Haralds Frau heißt Doris. (Eine dem Klischee der Hausfrau entsprechende Frau kommt auf die Bühne. In der Hand hält sie einen Stab und auch sie überreicht Harald pantomimisch einen Teller.)

Solange Harald pünktlich nach Hause kommt, sich um seine Frau kümmert und ihr ein nettes Zuhause schafft, dreht sich ihr Teller auch fast von selbst. So dreht sich Haralds Leben also um seine Arbeit, (Harald zeigt auf seinen Chef, dessen Teller sich ruhig dreht.) und um seine Frau, zu der er rechtzeitig nach Hause kommt, um auch dort alles am Laufen zu halten (Er zeigt zu seiner Frau, deren Teller sich ebenfalls gleichmäßig dreht, zumindest im Augenblick.).

Doch eines Tages steht Harald vor einer Herausforderung. Sein Chef, Direktor Müller (Während er den Teller weiter dreht, tippt er Harald auf die Schulter.) bittet ihn, am Wochenende auch ins Büro zu kommen und an einem wichtigen Projekt weiter zu arbeiten. Nun möchte Harald gern Direktor Müllers Teller weiter drehen (Er tut es.), er bleibt also, macht das Projekt fertig und eilt schnell wieder nach Hause. (Stürzt zu seiner Frau, deren Teller anfängt zu wackeln.) Gerade noch rechtzeitig, um Doris Teller in Schwung zu halten. Natürlich muss er sich jetzt etwas mehr anstrengen, um den Teller zu Hause wieder auf die richtige Drehgeschwindigkeit zu bringen, aber er schafft es. Er hat wieder alles unter Kontrolle. Doch dann kommt Bernadette.

Bernadette (Sie kommt auf die Bühne.) ist Haralds Tochter. Da er sie wirklich liebt (Er kneift sie in die Wange.), hat auch sie einen Teller, der gedreht werden will und für den er Zeit investieren muss. (Sie überreicht ihm pantomimisch einen Teller.) Also muss Harald sich etwas mehr anstrengen, um den Teller seiner Frau und seiner Tochter in Schwung zu halten (Er stürzt zu seinem Chef, dessen Teller ins Trudeln geraten ist.) und um rechtzeitig zurück zur Arbeit zu kommen und Direktor Müllers Teller zu drehen. So wird sein Leben etwas komplizierter, aber er ist immer noch Herr der Lage. (Harald rennt zwischen den einzelnen Darstellern hin und her.)

Dann kommt die nächste Herausforderung: Gesundheitliche Schwierigkeiten.
Aber bald lernt Harald Roland kennen (Roland betritt die Bühne, er trägt Sportkleidung.). Roland ist der Trainer im Fitnessclub, den Harald auf Empfehlung seines Arztes besucht. (Harald dreht Rolands Teller und macht ein paar Liegestützen.) Der Arzt meint, es würde Harald helfen, sein Leben zwischen Frau, Tochter und Arbeit besser zu bewältigen. Es hilft ihm natürlich, aber es kostet auch Zeit, diesen Teller zu drehen. Und während Harald Rolands Teller dreht, kommen die Teller seiner Frau und seiner Tochter gefährlich ins Trudeln. (Er stürzt hin, um die Teller wieder zu drehen.)

(Der Erzähler spricht etwas schneller.) Und zwar so gefährlich, dass sie einen Ehe-Berater aufsuchen. Der Berater (Betritt in Berufskleidung die Bühne.) hilft Harald, aber auch er kostet Zeit. (Harald dreht den Teller.) So ist Harald tagein, tagaus von morgens bis abends unterwegs (Er stürzt zwischen allen Tellern hin und her.). Und wenn einer der Teller besondere Anforderungen an ihn stellt, wirkt es sich auf alle anderen Teller aus.

(Der Teller von Bernadette trudelt gefährlich.) Als seine Tochter ein eigenes Zimmer mit einem eigenen Computer  braucht (Harald rennt zu Bernadette und dreht den Teller.), braucht er auch mehr Geld, also muss er mehr Zeit für Direktor Müller aufbringen (Müller trudelt.) und mehr arbeiten (Er rennt und bringt Müller wieder auf die richtige Drehgeschwindigkeit.).

Daraufhin wankt seine Frau Doris ganz gefährlich (Er stürzt zu seiner Frau.). Während er sich um sie kümmert, vergisst er einen Termin bei seinem Berater (Rennt zu ihm.) und kommt zu spät zum Training im Fitnessclub (Er versucht es, schafft es aber nicht bis zu Roland.). Er wird krank und bricht zusammen. (Harald krümmt sich und hält sich die Seite.)

Dann tritt eine neue Herausforderung in Haralds Leben. (Harald schaut auf, mit einem »Oh nein!«-Blick.). Er muss sich um seine immer gebrechlich werdenden Eltern kümmern:
Karl-Heinz und Berta.
(Ein älteres Paar betritt die Bühne.)
Auch seine Eltern brauchen einen täglichen Anstoß (Er hilft seinen Eltern, die beide zittrig und gebrechlich sind.).
(12 Sekunden Stille)

Das ist Harald (Er stürzt völlig erschöpft durch die Gegend.). Sein Leben ist bestimmt von seinem Chef, seiner Frau, seiner Tochter, seinem Fitnessclub, seinem Ehe-Berater und seinen Eltern – zumindest im Moment –, bis die nächste Herausforderung kommt. (Harald hört diese Worte, schüttelt den Kopf und schreit »Nein!« In diesem Moment geraten alle Teller ins Trudeln. Man hört das Geräusch 7  zerbrechender Teller, während ein Teller nach dem anderen in der Reihenfolge ihres Alters  zu Boden fällt:
Opa, Oma, Chef, Berater, Trainer, Frau, Tochter.
Schließlich fällt auch Harald völlig erschöpft zu Boden, während das Licht langsam ausgeht.
Aufstellung der Schauspieler von links nach rechts, vom Zuseher gesehen:
Trainer - Chef - Oma - Opa - Frau - Tochter - Berater)