Eva-Maria Admiral und Eric Wehrlin

Ein Schritt vor, ein Schritt zurück

 

Eine Pantomime mit einem Erzähler:  Ein junger Mann steigt ins Berufsleben ein. In verschiedenen Situationen seines Berufsalltages wird im bewusst, welchen Preis er für eine Karriere bezahlen muss...

 

Themen:     Karriere, Macht, Einfluss, Firma, Lebenssinn, Lebensziele

Schauspieler:        4 und 1 Erzähler

Dauer (Min)            6       


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Ein Schritt vor und einen Schritt zurück


Bühnenbild: Auf der rechten Bühnenseite steht ein Mann mit einem Golfschläger. Die drei »Stimmen« stehen mit dem Rücken zum Publikum im Bühnenhintergrund. Mitten auf der Bühne stehen ein Büro - Stuhl und ein Büro - Tisch mit einem Pokal, einer Bibel und einem Familienfoto. Neben dem Tisch steht ein Papierkorb.
Lichtkegel auf einen Mann, der sich vor seinen(fiktiven) Golfball  in Position stellt.

Es war einmal ein Mann (Er holt aus, um den Golfball zu schießen.), der alles hatte. Er hatte Freunde, mit denen er sich gut verstand (Er versucht zu mogeln, indem er den »Ball« bewegt, schaut sich um, ob es irgend jemand bemerkt; es wird bemerkt.), aber die ihm gegenüber auch sehr ehrlich waren, wenn er aus der Reihe tanzte. (Er legt den Ball verlegen zurück.) Er hatte eine Familie (Er geht hinüber zum Tisch, nimmt das Familienfoto in die Hand und betrachtet es.), die ihn liebte und die er liebte. Er hatte Werte (Er nimmt die Bibel in die Hand.), die ihm dabei halfen zu erkennen, was gut für ihr war, und richtige Entscheidungen zu treffen. Und er war ehrgeizig (Er nimmt den Pokal.) - er hatte den Wunsch, etwas Besonderes aus seinem Leben zu machen.

(Mann zieht das Jackett an, das über der Stuhllehne hängt.) In der Welt dieses Mannes war oben manchmal unten und  manchmal war mehr  -  weniger (Mann setzt sich, legt die Füße auf den Tisch und schaut liebevoll auf die »Dinge« seines Lebens.), und manchmal bedeutete Festhalten  - Verlieren.
Aber im Moment hatte er alles und er war glücklich. (Er verschränkt die Hände hinter dem Kopf, setzt einen zufriedenen Gesichtsausdruck auf.)


Eines Tages hörte der Mann einige Stimmen. (Die drei Stimmen drehen sich um, der Mann dreht sich in seinem Stuhl herum und schaut jede Person an, wenn sie »spricht«.)»Komm Herauf.« (Stimme 1 gestikuliert.)   »Steig auf die Leiter - der Ausblick ist atemberaubend!« (Stimme 2 gestikuliert.) »Du bist genau der richtige Mann dafür!« (Stimme 3 hält die Daumen nach oben.) So machte sich der Mann, der alles hatte, daran, die Leiter zu erklimmen. (Mann steht mit dem Rücken zum Publikum, geht mit seinem Golfschläger zu Stimme 1 hinüber.)

»Wenn du hierher hinauf steigst, wo ein anderer Wind weht, musst du unter Umständen auf einige Freundschaften verzichten. (Stimme 1 nimmt dem Mann den Golfschläger ab.) Zukunftsperspektiven (Geste mit dem ), Kontakte (Geste) und Führungspositionen sind alles, was du brauchst. (Tippt dem Mann mit dem Golfschläger  auf die Brust, hält dann inne, stellt einen Fuß auf den Golfschläger.)

Der Mann (Geht ein paar Schritte und denkt nach.) dachte, dass der Preis hoch sei, sagte sich dann aber: »Ich könnte einige neue Beziehungen gebrauchen.« Also traf sich der Mann nicht mehr mit seinen Freunden (Winkt zum Abschied, dann stellt die Stimme dem Mann »wichtige« Leute vor, pantomimisches Händeschütteln, Schulterklopfen etc.), und bald verbrachte der Mann seine ganze Zeit mit »Schlüsselpersonen« und »wichtigen Kontakten«. Zumeist schüttelten sie ihm die Hand, luden ihn zum Essen ein (Mann lacht über einen Witz) und ließen ihn eine Menge Geld verdienen. (Stimme 1 zieht eine Zigarre heraus, gibt sie dem Mann, zündet sie pantomimisch an.) Sie wussten, dass es nicht klug, ihm gegenüber ehrlich zu sein.

Schon bald fühlte sich der Mann richtig gut. (er hustet)
Aber (Mann geht über die Bühne zum Stuhl, setzt sich) in dieser seltsamen Welt, war oben manchmal unten. (Stimme eins geht mit dem Golfschläger hinüber zum Tisch.)
Als also der Mann die erste Stufe der Leiter erklommen hatte, machte er gleichzeitig den ersten Schritt hinunter in den Abgrund. (Stimme 1 lässt den Golfschläger  in den Mülleimer fallen und geht zurück an ihren Platz. Dazu  ist das durchdringende Geräusch von Wind zu hören.)

Bald war der Mann erfolgreich und beliebt (Stimmen 1 und 3 gehen über die Bühne und gratulieren ihm), und die Stimmen lobten ihn für seine Bemühungen und bestätigten ihm, dass er auf dem richtigen Weg war. (Beide Stimmen deuten nach vorne, als ob sie dem Mann eine Vision zeigen wollten.) Als er sich darauf vorbereitete,  die nächste Stufe auf der Leiter zu erklimmen, sprach eine andere Stimme zu ihm. (Stimme 2 geht zu ihm hinüber, sie trägt eine Aktentasche voll mit Akten. Stimmen 1 und 3 gehen zur Seite und schauen zu.)

»Wenn du höher steigen möchtest, wo ein ganz anderer Wind weht (Geste), musst du unter Umständen etwas Zeit opfern, die du sonst mit deiner Familie verbracht hättest.« (Stimme 2 nimmt das Familienfoto in die Hand, als ob sie sagen wollte: »Das muss weg.«) Früh ins Büro (schaut auf die Uhr), abends spät nach Hause und auch die Sonntage gehören der Arbeit. (Geste) Da bleibt nicht mehr viel Zeit für die Familie. (Hält das Bild vor sich.)


Zuerst dachte der Mann, dass die Stimme Unrecht hätte. (Mann schüttelt den Kopf, zieht das Bild wieder zu sich her.) Er glaubte, dass er alles schaffen konnte. Aber die Arbeit stapelte sich, (Stimme 2 öffnet die Aktentasche und stapelt Akten auf dem Tisch.), und ohne zu merken, was er tat (Mann schiebt das Bild weg und wendet sich dem Stapel Arbeit zu.), und begann seine Familie zu vergessen. Aber als er seinen Fehler bemerkte, konnte er ihn auch schon wieder entschuldigen: »Meine Familie versteht mich eben nicht«, sagte er. (Stimme 2 nimmt das beiseite geschobene Bild und geht zum Papierkorb.) Und so erklomm dieser Mann in dieser Welt, in der manchmal mehr weniger ist, eine weitere Stufe auf der Leiter, und ging gleichzeitig einen weiteren Schritt nach unten. (Heftiger Wind ist zu hören, als die Stimme das Familienfoto in den Papierkorb wirft. Der Mann und die Stimme wechseln einen kurzen Blick.)

(Die drei Stimmen nähern sich dem Bürostuhl des Mannes und rollen ihn auf die linke Bühnenseite.) Inzwischen war der Mann durch seinen Erfolg berühmt geworden. Die Stimmen der Anerkennung wurden immer lauter. (Stimme 2 gibt ihm eine Plakette, die sie aus der Aktentasche zieht.) »Er ist auf der Überholspur!«, riefen sie. (Stimme 1 macht ein Foto von ihm.) Sie waren so laut, dass der Mann seine Pressemeldungen schließlich sogar selbst glaubte. (Stimme 3 gibt ihm eine Zeitung mit seinem Foto und seiner Geschichte - er lächelt »Ich bin wer - nicht wahr?«) Er entschließt sich, einen weiteren Schritt auf der Leiter nach oben zu gehen (Die drei Stimmen applaudieren seinen Leistungen.), und wieder sprach eine Stimme zu ihm.



(Stimme 3 zieht ihn verstohlen beiseite.) »Wenn du soweit oben angekommen bist, musst du unter Umständen einige Skrupel aufgeben. (Stimme 3 nimmt die Bibel, schüttelt den Kopf und legt die Bibel wieder hin.) Entscheidungen können nicht immer im Einklang mit dem Gewissen stehen. (Die Stimme fährt ihm mit der Hand ans Revers, tätschelt ihn, als ob er Bestechungsgeld hätte.) Manche Geschäfte können nur so laufen (Er schlägt das Revers hoch, schaut sich um, ob jemand zuschaut.)

Dem Mann war sehr wichtig, dass er »dazu gehörte«. (Geht etwas zur Seite, denkt nach.) »Davon abgesehen«, sagte er sich, »ist das, was sie von mir verlangen, eigentlich ganz legal. (Schulterzucken. Die 3. Stimme gibt ihm Geld.) Die Firma wird davon profitieren (Die 1. Stimme sagt: »Pst. Behalte es für dich.«), nicht nur ich.«
Verträge wurden unterzeichnet, (Stimme 2 legt ein Papier auf den Tisch, der Mann unterschreibt, allgemeines Händeschütteln.) Geschäfte gemacht, Informationen zurückgehalten, und der Mann (Er sitzt.) dachte sich, dass es eigentlich gar nicht so schwer sei.(Stimme 3 nimmt Bibel, geht hinüber zum Abfalleimer, die anderen Stimmen gehen zu Ihren ursprünglichen Positionen........ )
Und so erklomm der Mann in dieser Welt, in der Gewinn manchmal Verlust ist, eine weitere Sprosse der Leiter und bewegte sich einen Schritt weiter auf den Abgrund zu. (Während Windgeräusche zu hören sind, wirft die 3. Stimme die Bibel in den Papierkorb; ihre Blicke begegnen sich kurz.)



Als der Mann sich umblickte, (er steht) erkannte er, dass er es schließlich bis an die Spitze geschafft hatte. (Geste) Weiter nach oben ging es nicht. (Der Mann geht zur Seite, bemerkt den vollen Papierkorb.) Er hatte seine Freunde, seine Familie und seine Wertvorstellungen aufgegeben, dafür hatte er aber Wohlstand (Tätschelt das Geld in seiner Jackentasche.), ein riesiges Büro und wurde von allen anerkannt. (Die drei Stimmen stehen nun mit dem Gesicht nach vorne auf der Bühne und klatschen langsam mit weit ausgreifenden Bewegungen. Nach einer kurzen Pause dreht sich der Mann um und blickt jede der Stimmen an.)

Aber er war nicht mehr der Mann, der alles hatte. (Mann schaut wieder nach vorne.) Als er auf das blickte, was ihm geblieben war (Sieht den Pokal und nimmt ihn in die Hand.), sah er, dass von allem nur noch sein Ehrgeiz übrig war. Er hatte keine Freunde mehr, die ihm sagten, wann er in die falsche Richtung ging (Er geht mit dem Pokal zur Stimme 1, die Stimme dreht ihm den Rücken zu.), keine Familie, die ihn ermutigte (Er geht zur Stimme 2; sie wendet ihm den Rücken zu.), keine Werte mehr, die seinen Ehrgeiz in die richtigen Bahnen lenkten. (Er geht zur Stimme 3; auch sie wendet ihm den Rücken zu.) Er hatte nur noch blanken, unkontrollierten Ehrgeiz. (Der Mann geht zurück zum Tisch, nachdenklich.)

Der Mann hatte die Leiter erklommen, aber nun war er der Dumme. (Der Mann sitzt nun vor dem Tisch.) Denn manchmal ist oben unten, mehr ist manchmal weniger, und die höchste Sprosse der Leiter kann manchmal so tief wie der tiefste Abgrund sein.
( Licht geht langsam aus)